Brandversuch im Reallabor: 12 Meter Treppenraum als einziger Rettungsweg
Ein Forschungsprojekt hat einen viergeschossigen Treppenraum in Brand gesetzt, um Rettungswege im Holzbau neu zu bewerten. Warum das Kosten senken kann.
Ein Forschungsverbund hat einen viergeschossigen Treppenraum kontrolliert in Brand gesetzt, um zu prüfen, ob ein einziger Rettungsweg im mehrgeschossigen Holzbau ausreichen kann. Die Frage hat einen direkten Preis: Ein zweites Treppenhaus kostet Fläche, Geld und Grundriss.
Was passiert ist
Im Forschungsprojekt ALREKO (Entwicklung eines alternativen Rettungskonzepts für Gebäude und Aufstockungen in den Gebäudeklassen 4 und 5) wurde am 13. Januar 2026 ein Brandversuch in einem Reallabor durchgeführt. An ein Brandhaus war ein viergeschossiger Treppenraum von zwölf Metern Höhe angebaut, jede Ebene über zwei Türen mit angrenzenden Räumen verbunden. Im ersten Obergeschoss wurde gezielt ein Feuer entzündet. Untersucht wurden vier Szenarien: von nicht brennbaren Oberflächen bei offenen und geschlossenen Türen bis zu Treppenräumen mit Holzoberflächen, mit und ohne Löschanlage. Auf zwei Etagen wurden zwei Türvarianten verglichen: eine klassische Brandschutztür und eine lediglich dicht schließende Tür. Beteiligt sind die Hochschule Rottenburg, die Technische Universität Braunschweig, die Hochschule Magdeburg-Stendal, die Feuerwehr Braunschweig und die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe.
Die Zahlen
- Höhe des Versuchstreppenraums: 12 Meter
- Geschosse: 4
- Untersuchte Szenarien: 4 (Oberflächen × Türstellung × Löschanlage)
- Adressierte Gebäudeklassen: GK 4 und GK 5
- Verglichene Türvarianten: Brandschutztür und dicht schließende Tür
Ein erstes Ergebnis: Optimierte Türen können auch dann noch ausreichenden Schutz bieten, wenn eine Löschanlage ausfällt.
Was das für Kommunen bedeutet
Bei Schulen, Kitas und Verwaltungsgebäuden ist der zweite Rettungsweg eine der teuersten Randbedingungen des Entwurfs. Er kostet nicht nur Baukosten, sondern Grundrissqualität: Ein zweites Treppenhaus zerschneidet Flächen, die pädagogisch oder organisatorisch besser genutzt wären, und es reduziert die vermietbare oder nutzbare Fläche im Verhältnis zur Bruttogeschossfläche. Wenn sich nachweisen lässt, dass ein einzelner, konstruktiv sauber ausgeführter Treppenraum in GK 4 und 5 genügt, verschiebt das die Wirtschaftlichkeit ganzer Gebäudetypen, besonders bei Aufstockungen auf bestehende Gebäude, wo ein zweiter Rettungsweg oft gar nicht unterzubringen ist.
Für kommunale Bauherren ist der Versuch damit vor allem ein Grund, bei laufenden Vorhaben nicht vorschnell zu entscheiden. Wer 2026 eine Aufstockung oder einen viergeschossigen Neubau plant, sollte den Forschungsstand kennen und mit der Bauaufsicht früh über das Rettungswegkonzept sprechen. Rechtlich gilt weiterhin die geltende Landesbauordnung. Forschungsergebnisse ersetzen keine Norm. Aber sie sind das Material, mit dem Abweichungen im Einzelfall begründet werden.
Was das für Investoren und Bauherren bedeutet
Der Kostenhebel ist konkret. Ein zusätzliches Treppenhaus in einem viergeschossigen Wohngebäude bindet in jedem Geschoss Fläche, die nicht vermietet werden kann, plus Erschließungs- und Brandschutzaufwand. Bei Aufstockungen kommt hinzu, dass der zweite Rettungsweg statisch und geometrisch häufig der Grund ist, weshalb ein Vorhaben nicht realisiert wird. Genau dort liegt das größte ungenutzte Potenzial im Wohnungsbau: Bestandsgebäude, die drei oder vier Geschosse tragen könnten, aber am Rettungswegnachweis scheitern.
Investoren sollten das Projekt als Frühindikator lesen, nicht als Freigabe. Bis Erkenntnisse aus einem Reallabor in eine Muster-Richtlinie und dann in Landesrecht einfließen, vergehen erfahrungsgemäß Jahre. Wer jetzt kalkuliert, kalkuliert mit dem geltenden Recht, und legt sich für den Fall eine Variante zurecht, dass die Anforderung fällt.
Einordnung
Ein Brandversuch ist kein Beweis, sondern ein Datenpunkt. Vier Szenarien in einem Versuchsaufbau liefern belastbare Hinweise auf Rauchausbreitung und Türverhalten, aber keine Statistik über das Verhalten realer Gebäude mit realen Nutzern. Bemerkenswert ist trotzdem, wie präzise die Forschungsfrage auf einen Kostentreiber zielt: Nicht die Brennbarkeit der Konstruktion steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, welche baulichen Details den Rettungsweg tatsächlich sichern. Das ist die Debatte, die der mehrgeschossige Holzbau braucht: spezifisch statt grundsätzlich. Und es ist die Sorte Forschung, die am Ende in Nachweisverfahren wie den neuen Brandschutzregelungen der Länder landet.
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