85 Prozent der Zeit in Innenräumen: Was Holz mit Gesundheit zu tun hat
Ein Policy Brief sichtet die Forschung zu Holz in Innenräumen, mit positiven Hinweisen und einem klaren Befund: Für belastbare Empfehlungen fehlt die Datenbasis.
Menschen in städtischen Regionen verbringen rund 85 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen. Ein Policy Brief sichtet, was die Forschung über Holz in diesen Räumen weiß, und benennt ungewöhnlich deutlich, was sie nicht weiß.
Was passiert ist
Der Policy Brief der Initiative WoodPoP fasst den Forschungsstand zu Gesundheit und Wohlbefinden in Holzgebäuden zusammen. Ausgangspunkt: In urbanisierten Regionen halten sich Menschen etwa 85 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen auf, weshalb die Innenraumqualität für die Gesundheit erheblich ist. Die gesichtete Forschung findet positive Zusammenhänge zwischen Holz in Innenräumen und Stressreaktionen, Stimmung, kognitiver Leistung, Aufmerksamkeit und Komfortempfinden; außerdem wirken Holzoberflächen regulierend auf Feuchte und Temperatur. Der Brief betont jedoch, dass die wissenschaftliche Grundlage nicht ausreicht, um daraus verlässliche und breit übertragbare Empfehlungen abzuleiten. Als Defizite benennt er kleine und wenig diverse Studienstichproben, fehlende Langzeit- und Realgebäudeuntersuchungen, zu geringe Berücksichtigung kultureller und geografischer Unterschiede sowie fragmentierte Forschungs- und Förderstrukturen. Gefordert werden interdisziplinäre Forschung, größere und längere Studien, Untersuchungen außerhalb von Laborsituationen und vergleichbare Methodik.
Die Zahlen
- Zeitanteil in Innenräumen (urbanisierte Regionen): rund 85 %
- Positiv beschriebene Wirkungen: Stressreaktion, Stimmung, kognitive Leistung, Aufmerksamkeit, Komfort
- Zusätzlicher bauphysikalischer Effekt: Regulierung von Feuchte und Temperatur
- Zentrale Einschränkung: Datenbasis für allgemeine Empfehlungen nicht ausreichend
- Benannte Forschungslücken: Stichprobengröße, Langzeitdaten, Realgebäude, kulturelle Vergleichbarkeit
Was das für Kommunen bedeutet
Für Schulen und Kitas ist das ein Argument, das man führen kann, aber vorsichtig. Kommunale Bauherren stehen häufig unter dem Druck, die Mehrkosten einer Holzbauvariante zu begründen, und Gesundheit ist dabei ein attraktives Argument, weil es unmittelbar einleuchtet. Genau deshalb sollte man es nicht überdehnen: Wer im Gemeinderat behauptet, Holzklassenzimmer verbesserten messbar die Schulleistungen, wird spätestens bei der ersten kritischen Nachfrage in Schwierigkeiten geraten. Der Brief selbst warnt vor solchen Schlüssen.
Belastbar ist die bauphysikalische Seite: Holzoberflächen puffern Feuchte, was in Räumen mit hoher Belegungsdichte (Klassenzimmer, Gruppenräume) das Raumklima stabilisiert. Belastbar ist außerdem, dass Nutzerinnen und Nutzer solche Räume überwiegend als angenehm bewerten. Das ist als Argument weniger spektakulär, aber es hält.
Praktischer Hinweis für Vergabeverfahren: Sichtbare Holzoberflächen sind eine Entwurfs- und Brandschutzentscheidung, die früh fällt. Wer die positiven Raumwirkungen will, muss dafür sorgen, dass die Konstruktion nicht vollständig bekleidet werden muss, und das entscheidet das Brandschutzkonzept, nicht der Innenausbau.
Was das für Investoren und Bauherren bedeutet
Für Investoren ist das Thema mittelbar relevant, über Vermietbarkeit und Zertifizierung. Nachhaltigkeitszertifikate bewerten Innenraumqualität, und Emissionsarmut von Oberflächen ist dabei ein Kriterium, das sich mit Holzprodukten erreichen lässt, wenn man auf emissionsgeprüfte Klebstoffe und Beschichtungen achtet. Umgekehrt gilt: Ein Holzinnenraum mit ungeeigneten Klebstoffen kann höhere Emissionswerte aufweisen als eine mineralische Alternative. Das Material allein garantiert nichts, die Produktauswahl entscheidet.
Für Büroimmobilien, die im aktuellen Markt um Mieter konkurrieren, ist Raumqualität ein weicher, aber realer Faktor bei der Flächenentscheidung. Wer als Eigentümer mit Wohlbefinden argumentiert, sollte das mit Messwerten zur Raumluftqualität und zum Raumklima unterlegen können, nicht mit Verweisen auf Studien, deren Autoren selbst zur Zurückhaltung mahnen.
Einordnung
Es ist bemerkenswert, dass eine Initiative zur Förderung des Holzbaus einen Bericht veröffentlicht, dessen Kernaussage lautet: Die Beweislage genügt noch nicht. Das ist die richtige Reihenfolge: erst die Daten, dann die Werbung. Für die Branche ist es zugleich eine unbequeme Erinnerung, dass ein Teil ihrer Argumentation auf Plausibilität und einzelnen Laborstudien beruht, nicht auf belastbarer Empirie in echten Gebäuden. Wer die Forschungslücke ernst nimmt, kann daraus etwas machen: Kommunen, die Schulen in Holz bauen, sitzen auf genau den Realgebäudedaten, die fehlen. Eine begleitende Untersuchung kostet einen Bruchteil der Baukosten und würde mehr zur Argumentation beitragen als jede weitere Laborstudie.
Quellen: FNR/Holzbauinitiative: Gesundheit und Wohlbefinden in Holzgebäuden
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